Rehabilitation (Reha) und Anschlussheilbehandlung (AHB) trotz Seheinschränkungen und Blindheit – mit und ohne Blindenführhund

Auf einem gepflasterten Weg liegt der Blindenführhund von Heike, welcher eingeschirrt ist. Hinter dem Hund sind zwei Unterarmgehstützen am Boden abgelegt.

Dass es nicht ganz einfach ist, eine Anschlussheilbehandlung (AHB) nach einer Knie-OP zu machen, musste ich leider schmerzlich feststellen. 

Seit einigen Jahren schon war für mich klar, dass ich ein „neues Knie“ brauchte. Sehr lange habe ich den Zeitpunkt heraus geschoben. Ich konnte mir bislang nicht vorstellen, wie ich nach der Versorgung im Krankenhaus wieder ans Laufen kommen sollte. Ich bin auf meinen Blindenführhund Anton angewiesen. In vielen Gesprächen mit meinem Orthopäden suchten wir nach einer Lösung. Ich muss unbedingt die Anschlussheilbehandlung (AHB) mit meinem Führhund machen!

Nachdem ich mich durchgerungen habe, einen OP-Termin abzustimmen, habe ich mich gleich mit dem Sozialdienst des Krankenhauses in Verbindung gesetzt und die Situation erklärt. Durch vorherige Recherche war mir zu dem Zeitpunkt nur eine Klinik bekannt, wo ich eine AHB mit Blindenführhund machen konnte.

Zumindest für den Schwerpunkt Orthopädie. Das wäre die Dünenwaldklinik in Trassenheide auf der Insel Usedom. Hier wurde vom Sozialdienst gleich ein Termin abgestimmt, Anreise mit Blindenführhund und Begleitperson.

Es kam aber anders!

Obwohl die OP gut verlaufen war, konnte der angepeilte Termin für die Rehabilitation nicht ganz eingehalten werden. Die Reha hätte ein paar Tage nach hinten verschoben werden müssen.

Das war dann nicht nötig, weil die zuständige Krankenkasse, eine Kostenzusage zur AHB mit Blindenführhund verweigerte. Auch eine zeitnahe Antwort von Seiten der Krankenkasse kam nicht. Trotz Bemühungen des Sozialdienstes und einer befreundeten Juristin wurde ich nach knapp 3 Wochen aus dem Krankenhaus entlassen – ohne einen Termin, oder auch nur eine Kostenzusage zur weiteren Anschlussheilbehandlung erhalten zu haben!

Diese Situation hat mich so sehr belastet, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin. Ein regionaler Fernsehsender interessierte sich und produzierte einen kleinen Beitrag auf Facebook.

An dem Tag, an dem sich der Fernsehsender mit der Krankenkasse in Verbindung setzte, wurde mir urplötzlich eine feste Ansprechpartnerin zugeteilt. Im Telefonat erfuhr ich, dass man in Kürze eine Kostenzusage erteilen würde: eine AHB mit Blindenführhund – allerdings ohne Begleitperson. Ich versuchte der Krankenkasse klarzumachen, dass ich mit der neuen Knie-Prothese zunächst mehrere Wochen an Gehstützen gehen muss. Eine gleichzeitige Versorgung für meinen Führhund Anton konnte ich nicht gewährleisten. Ich sah mich nicht in der Lage, 3 bis 4 Mal am Tag mit dem Hund Gassi zu gehen. Nach vielen Gesprächen und weiteren Anträgen von meinem behandelnden Orthopäden, wurde dann eine komplette Kostenzusage erteilt und mehrere Kliniken angefragt. Endlich bekam ich einen festen Termin! Ich durfte in die MediClin Klinik am Rennsteig, in Bad Tabarz, inklusiv meines Hundes und einer Begleitperson. Leider waren mittlerweile 7 Wochen nach der OP vergangen – davon 4 Wochen zuhause. Trotz ambulanter Krankengymnastik war diese Wartezeit für das Knie nicht förderlich.

Das Beste was mir passieren konnte: Rehaklinik in Bad Tabarz

Heike Ferber liegt auf einer Behandlungsbank. Am Boden liegt ihr schwarzer Blindenführhund mit ihrer Kenndecke sowie die Physiotherapeutin, die eine Fernbedienung zur Einstellung der Behandlungsbank in Händen hält. Ende März reiste ich dann mit meiner Schwester Petra und meinen Blindenführhund Anton in Thüringen an. Und ich muss sagen, was uns dort erwartet hat, kann ich kaum in Worte fassen. Wir sind sehr herzlich aufgenommen worden. Anton durfte zu jeder Therapie mit – er war überall gern gesehen. Und niemand – wirklich keiner sagte den Satz, den ich schon sehr oft hörte, dass Hunde keinen Zutritt hätten. Egal wohin wir wollten, sei es zu den zahlreichen Therapien, in die Schwestern- und Arztzimmer oder in den Speisesaal. Jeder – wirklich jeder hat uns positiv und vor Allem auch kompetent empfangen. Und dieses möchte ich besonders hervorheben: die Freundlichkeit des gesamten Personals. Egal wie groß der Stress beispielsweise in der Badeabteilung war, die Therapeuten hatten für jeden einzelnen Patienten ein offenes Ohr und erklärten jeden einzelnen Handgriff.

Und genau diese Empathie, gemischt mit dem Fachwissen macht es aus. Und der Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen war niemandem fremd im Haus.

Bei einem Gespräch mit dem kaufmännischen Direktor der Klinik, Herrn Rudolf, erfuhr ich, dass es schon einige Jahre die Möglichkeiten gibt, mit Assistenz- und Führhunden – entweder zur REHA oder zur AHB zu kommen. Das Personal sei entsprechend ausgebildet und geschult. Wenn blinde und sehbehinderte Menschen ohne Begleitperson oder ohne Blindenführhund anreisen, werden diese zu den entsprechenden Therapien und Terminen begleitet.

Im Verbund der gesamten MediClin Kliniken sind deutschlandweit zwölf im besonderen Maße auf die Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Patienten eingestellt. Sie erfüllen sogar einen einheitlichen, mit einem Betroffenenverband entwickelten Kriterienkatalog.

Link

Hier sind auch die Kliniken ausgewiesen, die sich auf die Mitnahme von Assistenz- und Blindenführhunden besonders eingestellt haben.

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Nachfolgend noch einige wichtige Informationen, die ich im Rahmen meiner Recherchen und Gesprächen zusammengetragen habe:

Unterschied zwischen Anschlussheilbehandlung und Rehabilitation

  • AHB nach stationärer Krankenhausbehandlung – Die Anschlussheilbehandlung bzw. Anschlussrehabilitation ist eine ambulante oder stationäre Leistung. Mittels einer AHB sollen Sie verlorengegangene Funktionen und Fähigkeiten wiedererlangen und an die Belastungen des Alltags- und Berufslebens herangeführt werden. Die AHB schließt sich unmittelbar, spätestens 2 Wochen nach der Entlassung an eine stationäre Krankenhausleistung an. Die Dauer der Anschlussheilbehandlung beträgt in der Regel 3 Wochen und kann verkürzt oder verlängert werden.
  • Ambulante Reha – Die ambulante Rehabilitation hat das Ziel, den Menschen in wohnortnaher Umgebung zu versorgen. Der Patient kommt tagsüber zur Behandlung in die Rehaklinik, ist aber in der Regel am Nachmittag oder Abend wieder in seinem häuslichen Umfeld. Eine ambulante Reha wird dann nötig, wenn ambulante Behandlungen nicht ausreichen oder aus sozialmedizinischer Sicht nicht als sinnvoll erachtet werden.
  • Stationäre Rehabilitation – Stationäre Rehabilitationsmaßnahmen dienen dazu, bestehende Fähigkeitsstörungen zu beseitigen oder zu reduzieren, eine Verschlimmerung zu verhüten, Krankheitsbeschwerden zu lindern und dem Patienten Hilfen zum besseren Umgang mit seiner Krankheit bzw. Behinderung zu geben. Stationäre Rehabilitationsmaßnahmen kommen dann in Betracht, wenn andere Möglichkeiten der ambulanten Behandlung bzw. Rehabilitation nicht ausreichend sind. Dabei geht es darum, körperliche, geistig und seelisch bedingte Behinderungen und Beeinträchtigungen auszugleichen, zur Selbsthilfe anzuleiten sowie den Patienten und ggf. seine Angehörigen zu beraten.

Hier noch zwei weitere Kontakte, wo Rehabilitationsmaßnahmen, speziell für blinde und sehbehinderte Menschen durchgeführt werden:

  •  Aura-Hotel Saulgrub – Eine weitere Möglichkeit zur stationären Rehabilitation bietet auch das Aura-Hotel in Saulgrub 
  • Masserberg-Klinik – Wenn es speziell um Augenerkrankungen geht, hat sich die Masserberg-Klinik in Thüringen einen Namen gemacht. Hier eine kurze Zusammenfassung für die Indikation: Ophthalmologie – Über sechs Jahrzehnte nachweisbare Erfahrungen und Erfolge in der Behandlung von    Augenerkrankungen sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung des diagnostischen und therapeutischen Spektrums haben Masserberg zu einem international anerkannten Standort werden lassen. Dank eines umfangreichen ophthalmologischen Diagnose- und Therapieangebotes ist es gelungen, chronisch rezidivierende Augenentzündungen optimal zu behandeln. Durch die so stabilisierte Sehkraft können wir das Sehvermögen der Betroffenen erhalten oder verbessern. Durch stationäre Heilverfahren, die sich je nach Indikation und Beschwerden ausrichten, bekommen unsere Augenpatienten eine umfassende medizinische Behandlung und Betreuung auf Grundlage von fundierten, wissenschaftlichen Kenntnissen. Für sehbeeinträchtigte Menschen steht eine Auswahl an vergrößernden Sehhilfen und spezifischen Hilfsmitteln zur Verfügung. Leistungen der REHA-Klinik Thüringen

Kostenträger

Fast alle Versicherten haben einen Anspruch auf vollständige oder teilweise Übernahme der Kosten. Allerdings existiert im deutschen Sozialversicherungssystem eine Vielzahl an Sozialleistungsträgern. Wer Kostenträger ist, richtet sich nach den Hauptzielen der Rehabilitation und nach versicherungsrechtlichen Voraussetzungen In den meisten Fällen ist dies die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) oder die Gesetzliche Rentenversicherung.

  • Gesetzliche Rentenversicherungen (GRV)
    Medizinische Rehabilitation zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit bei Erwerbstätigen. Deutsche Rentenversicherung
  • Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)
    Medizinische Rehabilitation zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit
    Spitzenverband der GKV Spitzenverband

Wege der Beantragung

Nach beispielsweise einer Operation wird der Sozialdienst des entsprechenden Krankenhauses die AHB beantragen. Wenn es um einen länger geplanten Eingriff handelt, setzen Sie sich frühzeitig mit den entsprechenden Spezialisten der Klinik in Verbindung.

Wenn es um eine Rehabilitationsmassnahme handelt, wird Ihr behandelnder Arzt den jeweiligen Antrag stellen. Für die Gewährung der Reha müssen vor allem die medizinischen Voraussetzungen erfüllt sein. Eine präzise und verständliche Antragstellung ist wichtig.

Wahlrecht

Sie haben sowohl bei einer Reha als auch bei einer AHB das Recht, sich eine entsprechende Klinik auszuwählen. Es ist in § 9 SGB IX eindeutig geregelt, dass der Rehabiltationsträger Ihre berechtigen Wünsche entsprechen muss.

Zusammengefasst gibt es eine tolle Broschüre, die im Internet downloadbar ist:

Arbeitskreis Gesundheit

weitere Erfahrungsberichte

Heike Henke – war mit Ihrer Blindenführhündin Froni, vor zwei Jahren in dem MediClin Reha-Zentrum am Hahnberg, in Bad Wildungen/Reinhardshausen. Diese Klinik bietet schon vielen Jahren im besonderen blinden- und sehbehinderten Personen entsprechende Plätze an. Das Haus zeichnet sich durch das geschulte Personal, aber auch durch ein gut strukturiertes Leitsystem im Haus aus. Heike Henke hat eine 6wöchige Rehabilitation mit Ihrer Froni durchgeführt. Anfangs wurde ihr das gesamte Haus gezeigt und die entsprechenden Therapieräume beschrieben. Ihre Post war nicht in den jeweiligen Postfächern zu finden, sondern konnte im Schwesternzimmer oder an der Pforte abgeholt werden. Sobald es Neuigkeiten für sie gab, hat man an ihrem Zimmer am Türgriff ein Gummiband angebracht. Die Unterlagen wurden entweder vorgelesen oder auf ein entsprechendes Aufnahmegerät aufgesprochen. Blinde Patienten bekamen noch zusätzliche eine spezielle Ergotherapie, in der auch noch Verbesserungsvorschläge gesammelt und dokumentiert wurden. Die Zimmer für die blinden Patienten, sowie alle Therapieräume sind in Brailleschrift gekennzeichnet.

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Kornelia Colborne – war zur Anschlussheilbehandlung nach einer Knie-TEP OP in der Münsterland-Klinik in Bad Rothenfelde. Sie ist direkt aus dem sogenannten Akut- Krankenhaus in die Rehaklinik verlegt worden. Sie ist blind und reiste ohne Begleitung an. Auch sie war mit der Betreuung im Hause sehr zufrieden. Man hat sie täglich zu den Therapien oder zu den Mahlzeiten begleitet. Auch Sie musste auf nichts verzichten. Allerdings sagte Sie, dass man doch eine Menge Geduld benötigt. Ein Spaziergang an der frischen Luft beispielsweise, war nur dann möglich, wenn jemand vom Personal Zeit hatte. Ihr Fazit nach der Reha – es ist sehr viel entspannter und einfacher, wenn man mit einer Begleitperson anreisen kann. Ohne den dringend benötigten Langstock und nur mit zwei Unterarmgehstützen, sitzt man doch sehr viel alleine auf seinem Zimmer!

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Susann und Henry Möller, mit Blindenführhund Zambi, Klinik am Rennsteig, Bad Tabarz in Thüringen –Mein Mann und ich befanden uns Mitte März in der Freiburger Uniklinik und warteten auf die Herz-Operation meines Mannes. Mein Mann leidet unter dem Usher- Syndrom, dies bedeutet er trägt zwei Cochlea-Implantate, mit denen er sehr gut hören kann und sieht nur mit einem Tunnelblick. Wir haben einen Blindenführhund und suchten nun eine Klinik für die sich an die Operation anschließende Anschlussheilbehandlung, die es erlaubt einen Blindenführhund mitzubringen. Auch benötigt er eine Begleitperson. Die Unterbringungskosten werden normalerweise von der Krankenkasse übernommen. (hier in der Klinik war ich bei ihm Zimmer untergebracht). Der Sozialdienst in Krankenhaus, welcher sich um die Vermittlung einer REHA kümmert, hatte so einen Fall noch nicht. Auch die Krankenkasse hat uns keinerlei Listen, wo es Einrichtungen für solche Fälle gibt, geben können. Dann sandten wir noch eine Anfrage an den Leiter einer Blindenführhundhaltergruppe. Hier gab es einige gute Informationen, jedoch keine Klinik für das bestehende Krankheitsbild. Somit ergriff ich die Initiative und schrieb an alle möglichen Kliniken eine Email. Wir erhielten sehr viele Absagen oder gar keine Antworten. Nur die Mediclin-Gruppe gab uns die Namen von 3 Kliniken, welche Blinde oder Sehbehinderte mit Führhund aufnehmen, diese liegen Usedom, in Bad Düben, Sachsen und in Bad Tabarz, Thüringen. Zusammen mit der Krankenkasse entschieden wir uns für die Klinik in Thüringen. Alle ging glatt und nun ist bereits die letzte Woche der REHA angebrochen und bald können mein Mann, unser Hund und ich wieder nach Hause.

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Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Planung und Durchführung Ihrer Rehabilitation! 

Heike Ferber – Leiterin AK Makula der PRO RETINA Deutschland e.V.

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